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2010 ist Tolstoi-Jahr
2010 wird weltweit dem 100. Todestag des russischen Nationaldichters Leo Tolstoi am 20. November gedacht
Es gibt viele Literaturkenner, welche die russischen Romanciers des 19. Jahrhunderts für die besten in der Welt halten: Iwan Turgenew (* 1818, † 1883) mit seinem sozialkritischen Generationsroman Väter und Söhne (1862) und Fjodor Dostojewksi (* 1821, † 1881) mit seinem psychologisierenden Roman Die Brüder Karamasow (1880) schufen bahnbrechende handlungs- und personenreiche Panoramen der vorindustrialisierten russischen Gesellschaft. Nur wenige Völker ehren ihre Dichter so sehr wie die Russen, und dem 100. Todestag des Größten von allen wird am 20. November 2010 weltweit gedacht. Auf der ganzen Welt wird das Tolstoi-Jahr mit unzähligen hochkarätigen Veranstaltungen begangen, besonders aber in Russland, das sich 2010 im literarischen Ausnahmezustand befindet, denn in Russland ist Tolstoi nicht einfach nur Schriftsteller, sondern Nationalheiliger. Kaum ein Russe, der nicht zumindest eines der meist dickleibigen Werke von Tolstoi gelesen hat.
Am 9. September 1828 wurde Leo Tolstoi auf dem Landsitz der Adelsfamilie Tolstoi nahe der zentralrussischen Stadt Tula geboren. Bereits als Kind fiel er durch seinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn auf, und dies erklärt auch, weshalb er sein Studium abbrach, um die Lebenssituation der über dreihundert Leibeigenen der Familie Tolstoi zu verbessern. Während seines Wehrdiensts kämpfte er im Krimkrieg, und seine erschreckenden und wirklichkeitsnahen Sewastopoler Erzählungen (1855) über den mörderischen Stellungskrieg in Sewastopol machten ihn schnell in ganz Russland berühmt.
Von nun an entstand ein einzigartiges und unvergleichliches literarisches Werk, thematisch geprägt von der Suche nach gesellschaftlicher Gerechtigkeit und der Forderung nach allumfassender Liebe: "Wer keine Liebe zu seinen Mitmenschen empfindet, der soll sich zurückhalten; er mag sich mit seiner eigenen Person und allen möglichen Dingen beschäftigen, nur nicht mit anderen Menschen", schreibt der alte Tolstoi in seinem letzten großen Roman Auferstehung (1899).
Dennoch war Leo Tolstoi eher Theoretiker als ein Praktiker der Liebe. Seine Ehe mit einer Deutschstämmigen, die ihm dreizehn Kinder gebar, war nicht sehr glücklich. Seine Familie litt unter seinen Launen und Wutausbrüchen, stärkte ihm aber meist für sein Autorenleben den Rücken. "Die Frau", schreibt Tolstoi in seinem realistischen Adelsroman Anna Karenina (1877), "ist ein merkwürdiges Geschöpf. So eifrig du dich auch bemühen magst, sie zu ergründen, du wirst immer etwas völlig Neues an ihr entdecken." Trotz vieler Krisen hielt die Ehe der Tolstois zeitlebens.
Im Jahr 2010 ehren wir mit Leo Tolstoi einen der größten und wichtigsten Autoren der Weltliteratur. Ein guter Anlass, endlich einmal Krieg und Frieden (1868) zu lesen, das nun schon seit Jahren im Bücherregal vor sich hin staubt und an das man sich nie herangetraut hat. Es lohnt sich.


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