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Günter Grass: Mit ss, nicht mit ß

Irgendwann im Krieg oder danach wurde aus Günter Graß ein Günter Grass. Der Schriftsteller änderte die Schreibung seines Namens von ß in ss. Aber warum?

Die Kritiker von Günter Grass waren noch gottverlassener als dieser selbst

Die wütenden Kritiken, die Günter Grass sein Leben lang zu hören bekam, hatten meist etwas Hilfloses. Wie bei Helmut Kohl ging es den Kritikern von Günter Grass wie dem Hasen, der sich tot hetzt, um am Ende der Strecke zu hören: »Ich bin schon da!« Ein Typus wie Günter Grass entwickelt nicht sich, sondern seine Taktik. Er lernt nichts, aber er kann uns einiges lehren. Der Niedergang der Frankfurter Schule konnte ihm nichts anhaben, denn sie fiel durch sein robust-grobmaschiges Netz. Scheinheilig sind die, welche ihm Scheinheiligkeit vorwerfen. Wer einem weltberühmten Landsmann lästert, macht sich des Neides nicht nur verdächtig.

Von Günter Grass lernen heißt beherrschen lernen

Wikipedia zeigt in seinem Artikel über Günter Grass die Kriegsgefangenenkarte des Schriftstellers. Dor schreibt er eigenhändig seinen Familiennamen am Ende mit ss. Die Familie schrieb sich ursprünglich mit ß. Irgendwann im oder nach dem Krieg muß also Günter Graß zu Günter Grass geworden sein. Das ss mochte ihm moderner erscheinen als das altmodische ß, dem ja auch in der letzten Rechtschreibreform der besondere Haß der Reformatoren galt. Im »Dritten Reich« hatte das Doppel-S besondere Attraktion: Schreibmaschinen verfügten über eine eigene Taste mit SS-Runen. Und bei der von Hitlers Minister Rust angeordneten Rechtschreibreform wurde das ß als Großbuchstabe abgeschafft und mußte fortan durch SS ersetzt werden, sollte ein Wort ganz in Großbuchstaben geschrieben werden. (Diese Regelung wurde erst vor wenigern Jahren wieder abgeschafft.)

Das Doppel-S als geheimes Indikat bei Günter Grass und bei Uwe Johnson

In diesem Zusammenhang ist es interessant, einen Blick auf die Emigranten zu werfen. In der Emigration verfügten sie meist nicht über deutsche Schriebmaschinen. Das deutsche ß gaben sie darum stets mit sz wieder. Dichter, die sich nicht auf die Tradition der Emigration bezogen, empfanden dagegen das Doppel-S als ein besonders attraktives Indikat von Modernität. So benutzte Uwe Johnson in seinem zweiten Roman »Mutmassungen über Jakob« das ss statt des ß, ganz, als verfügte seine Schreibmaschine über den Buchstaben ß nicht. Die geheime Psychologie von ß und ss muß erst noch untersucht werden. Sie dürfte einiges zutage fördern.

Was bedeuten die grünen Links? von Alexander Löwen  
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