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Nicolaus Sombart: Der letzte Weg eines großen alten Herrn

Der Schriftsteller und Soziologe fand auf dem Waldfriedhof in Berlin-Dahlem die letzte Ruhestätte. Die Elite des alten West-Berlin gab ihm das Geleit. Ein Augenzeugenbericht

Am 4. Juli 2008, dem amerikanischen Nationalfeiertag, erlag der große Europäer in einer Klinik im Elsass seiner jahrelangen Parkinson-Erkrankung. In seiner Vaterstadt Berlin wurde Nicolaus Sombart, der dreißig Jahre lang die Kulturabteilung des Europarates in Straßburg leitete und der zu einer Schlüsselfigur der deutsch-französischen Beziehungen wurde, am 8. September 2008 beigesetzt.


In Berlin war er am 10. Mai 1923 zur Welt gekommen, dorthin kehrte er 1982 zurück, um sein literarisches Werk wieder aufzunehmen und ein Vierteljahrhundert später zu vollenden. Zwischen 1984 und 2006 entstand eine Reihe geistesgeschichtlicher Monografien, so eine originelle Verteidigung Kaiser Wilhelms II. und die wortmächtige, aus intimer Kenntnis entsprungene Abrechnung mit dem Mentor Carl Schmitt; vor allem aber eine Folge von autobiographischen Erzählbänden, wie man sie als « biographie romancée » in der französischen und der englischen Welt kennt, wie sie im deutschen Sprachraum jedoch ihresgleichen suchen.


Jugend in Berlin ist hier vor allem zu nennen, die Erzählung einer jeunesse dorée unter den Auspizien der beginnenden Nazi-Zeit, auch die rauschhaften, erotisch aufgeladenen Pariser Lehrjahre von 1994, in denen Sombart von seiner Zeit als junger Galan schöner Frauen und wissbegieriger Gesprächspartner bedeutender Gelehrter in der französischen Hauptstadt erzählt. Es sind Bücher, in denen sich Erotik und Gelehrsamkeit mit einem Raffinement verbinden, wie es sich sonst nur in der Literatur eines André Gide, Julien Green oder Marcel Proust findet. Nicht minder gilt dies für seine Heidelberger Reminiszenzen, die unter dem Titel Rendezvous mit dem Weltgeist von den Studienjahren des jungen Mannes berichten.


Mit seinem Journal Intime knüpfte Sombart dagegen an die europäische Tagebuchliteratur an, auch wenn dieses Journal von 1982/83, anders als etwa die Aufzeichnungen von Stephen Spender oder Ernst Jünger, keineswegs von vornherein für die Veröffentlichung bestimmt war. Eher könnte man die nichts aussparenden Notate mit denen von Samuel Pepys vergleichen und, wie im Falle des Engländers, bedauern, dass der Autor sie nicht über einen längeren Zeitraum fortgeführt hat. Sombarts Reihe der persönlichen, den Leser zu einer nicht minder persönlichen Stellungnahme herausfordernden Aufzeichnungen schlossen mit der Rumänischen Reise, einer erotisch-philosophischen Fahrt ins Land meiner Mutter.


Dieser Mann war immer authentisch, immer rücksichtslos er selbst. »Dass Günter Grass den Nobelpreis für Literatur bekommen hat und nicht ich«, konnte er einer Journalistin der FAZ gegenüber klagen, »sagt alles über den deutschen Literaturbetrieb«. Die Pointe ist, dass er auch darin recht behalten hat.


Der Pfarrer bewältigte eine schwierige Aufgabe


Die Soziologie war sein Metier. Über die Beziehungen der Menschen untereinander gab er sich keinerlei Illusionen hin. Religion und Metaphysik haben den Sohn von Werner Sombart und Doktoranden von Alfred Weber allenfalls als gesellschaftliche Phänomene interessiert. So sah sich der evangelische Pfarrer, der die Urnenbeisetzung auf dem idyllischen Dahlemer Waldfriedhof leitete, mit einer vertrackten Aufgabe konfrontiert. Christhard-Georg Neubert, Rotarier, Direktor der Kulturstiftung St. Matthäus und Autor von Büchern über den Dichter Paul Gerhardt und den Künstler Johannes Schreiter, bewältigte die Herausforderung mit Bravour. Er versuchte gar nicht erst, den Dahingegangenen in die ihm wesensfremde evangelische Welt heimzuholen.


In seiner eindrucksvollen Gedenkpredigt ließ Neubert das Leben Sombarts Revue passieren und setzte sich mit seinem Wesen und seinen Schriften auseinander. Der Pfarrer verzichtete auf die bei solcher Gelegenheit leider allzu verbreitete biographische Klitterung. Er vermied konventionelle Schönrednerei und legte ohne Umschweife den Finger auf die Wunde. Von seinem christlichen Standpunkt aus warf er die Frage auf, ob sich dem Verstorbenen das, was er am meisten gesucht, nicht letztendlich entzogen habe.


In diesem Zusammenhang nannte er Sombarts »vie expérimentale« beim Namen, die für den bekennenden Frauenhelden und Erotomanen nicht nur Theorie, sondern auch Praxis gewesen ist. Mancher der zum Teil von weither angereisten Freunde und Schüler muss diese Worte als auch an die eigene Adresse gerichtet verstanden haben.


Solchermaßen eingeschüchtert fiel dem einen oder anderen Libertin das Singen sichtlich und hörbar schwer. Paul Gerhardts »Wenn ich einmal soll scheiden« erklang nur zögerlich vom Blatt. Vollends das Adagietto aus Gustav Mahlers fünfter Symphonie, vom Tonband eingespielt, verlieh diesem Teil der Veranstaltung einen stark emotionalen Charakter. Unter seinen Klängen wandelte der Trauerzug aus der Kapelle dem Grab entgegen. Einige schlugen das orthodoxe Kreuz. Vereinzelte Teilnehmer zeigten sich völlig aufgelöst.


Auf der Suche nach den Hinterbliebenen


Im Sonnenlicht offenbarte sich die Prominenz des Trauerzuges. Der harte Kern des legendären sonntäglichen Jour Fixe hatte sich eingefunden, den die Londoner Times als “a well-known rendezvous for the brilliant, the beautiful and the outrageous” apostrophierte. Seiner theologischen Indifferenz zum Trotz hatte Sombart Gott und die Welt gekannt und in einem 85 Jahre währenden Leben Freunde in aller Welt gefunden, vor allem in Frankreich, wo auch seine vier Kinder geboren sind. Seine Frau Tamara, georgisch-schottischer Herkunft, war am offenen Grab ebensowenig zu finden wie die vier Sprösslinge. Sie überließen das Händeschütteln Pfarrer Neubert. Um ihnen zu kondolieren musste man sie im Pulk der Beiseitegetretenen suchen gehen.


Das Ehrengrab, in dem schon Werner Sombart beigesetzt ist, war u. a. mit einem Kranz des Regierenden Bürgermeisters geschmückt, der zudem seinen Kulturbeauftragten geschickt hatte. Der Dank des Vaterslands fiel also wieder einmal spärlich aus. Wie wenige hat Nicolaus Sombart sich um Berlin verdient gemacht, doch seine Heimatstadt fand sich zu seinen Lebzeiten nicht einmal zu der kleinsten Geste herbei, wie etwa der Verleihung des Professorentitels, den man seinem Freund Heinz Berggruen angedeihen ließ, als man es auf dessen Kunstsammlung abgesehen hatte. Sombarts Prestige war im Ausland stets größer als in Deutschland; so nannte ihn etwa die britische Times „truly a scion of the intellectual aristocracy of the Wilhelmine and Weimar eras”.


Die Freunde sahen sich anschließend an einer langen Tafel in einem Gartenlokal in der Nähe wieder, wobei, wie bei solchen Gelegenheiten üblich, auch heitere Anekdoten über den Verstorbenen erzählt wurden. So wusste einer zu berichten, wie Sombart einmal seine Unzufriedenheit kundtat, als man ihn bei einem Essen neben den Schriftsteller Enzensberger gesetzt hatte, um ihm einen Gefallen zu tun; statt an die andere Seite der Tafel, wo die Grafen saßen.


Abschied mit Chopin


Am Abend fanden sich die meisten bei einer Trauerfeier im Literaturhaus in der Fasanenstraße ein. Altgediente Lolitas, Barbie-Großmütter und angewelkte Nymphen fehlten nicht. Aber, und das ist typisch Sombart, es gab auch diesmal junge hübsche Frauen. Offenbar wirkte seine phänomenale Anziehungskraft auf das andere Geschlecht sogar über den Tod hinaus. »Wo er die nur wieder aufgetan hat?« fragte man sich, wie schon oft zu seinen Lebzeiten. Bedeutende Herren im schwarzen Anzug, das Haupt grau, weiß oder kahl, erwiesen ihrem Freund und Weggefährten ebenfalls die letzte Ehre. Hubert Burda, klein und unscheinbar, hat etwas Weiches, ja Wienerisches an sich und hielt eine anrührende kurze Rede. Maria Furtwängler war leider nicht dabei. Burda berichtete von seinen ersten Besuchen bei Sombart und ließ die familiäre Atmosphäre im Chalet du Château von Kolbsheim nahe Straßburg aufleben.


Die Tochter Elisabeth Sombart, in Frankreich eine berühmte Pianistin, spielte zwei Nocturnes von Chopin auf einem kleinen Klavier, darunter eine technisch anspruchvolle Komposition, die von den Gästen mit Jubel aufgenommen wurde. Ihre Mutter Tamara, eine geborene Khoundadzé, ist eine talentierte Pianistin, während ihr Vater der Musik bei weitem nicht den Raum gewährte, den er der Literatur zubilligte; letztere war ihm freilich vor allem Erkenntnisinstrument der soziologischen Feldforschung. Zwiespältig wurde der Auftritt des Verlegers Michael Krüger aufgenommen. Er hatte eine Stelle aus Jugend in Berlin passend ausgewählt, las diese aber in einem merkwürdigen Jargon vor. Auch fragten sich viele Gäste, ob bei einer Trauerfeier nicht auch derjenige eine Krawatte umbinden sollte, der dies normalerweise verabscheut.


Ansonsten benahm sich niemand daneben, was ja in Berlin mitnichten selbstverständlich ist. Manche sprachen von einem »Letzten Salon«, und in der Tat erinnerte die abendliche Veranstaltung nicht wenig an ein Klassentreffen. Lange vergessene Gesichter tauchten wieder auf. Hinter mir sagte einer: »Der ist aber alt geworden!« Er meinte mich. Ich tröstete mich damit, dass mich mehr Leute wiedererkannten als umgekehrt.


Als wir im Bistrot »Manzini« in der Ludwigkirchstraße neben Sombarts ehemaliger Wohnung, wo wir nach dem Fünf-Uhr-Tee oft mit ihm gesessen hatten, den Tag im kleinen Kreis ausklingen ließen, fanden sich bald auch die anderen Trauergäste ein, darunter Sombarts Familie. Trotz der Kälte tafelten alle bis spät in die Nacht an der frischen Luft.


»Er hatte dieses Berlinerisch-Kesse«, bemerkte Sombarts alte Freundin, die Modeschöpferin Tutu Wagner. »Das war eine andere Generation. Er traute sich einfach mehr bei den Frauen als die eingeschüchterten Männer von heute.«


Und die Times schrieb in ihrem Nachruf: “The German writer and historian Nicolaus Sombart was not just a famous cultural sociologist and international scholar. He was also a dandy, a self-professed connoisseur of beautiful women and a devotee of eroticism, both intellectual and physical. Sombart, known as ‘Weltgeist in a silk scarf’, was a grand representative of a less politically correct age.”

Was bedeuten die grünen Links? von Alexander Löwen  
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