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»Die Studienstiftung des deutschen Volkes…

…im Spiegel der Presse«. Eine Satire über die bekannte Studienstiftung des deutschen Volkes. Von einem Alumni der Studienstiftung.

Die Studienstiftung des deutschen Volkes im Spiegel der Presse (1)

FRANKFURTER RUNDSCHAU: Studienstiftung des deutschen Volkes kämpft um klare Sicht. Kontaktlinsenoffensive verzeichnet erste Erfolge

Frankfurt am Main. Die EKD hat es vorgemacht. Seitdem bekannt wurde, dass viele Besucher evangelischer Kirchentage wieder nach Hause gefahren sind, weil sie zwischen den vielen Gesundheitslatschen den Kirchentag nicht fanden, errichtete die evangelische Kirche riesige Schilder mit der Aufschrift: »Dies ist kein Birkenstock-Kongress«.

Ähnliche Erfahrungen mußte die bekannte Studienstiftung des deutschen Volkes machen. Besucher von Symposien, Kolloquien und Akademien reisten stehenden Fußes wieder ab, weil sie glaubten, zur falschen Veranstaltung gekommen zu sein. Ein Anteil von siebzig Prozent Brillenträgern veranlasste sie zu der Annahme, eine augenoptische Versammlung oder einen Kurzsichtigentreff vor sich zu haben. Die Stiftung versuchte, das Mißverständnis zu verhindern, indem sie riesige Schilder aufstellte mit den Worten: »Dies ist kein Rodenstock-Kongreß«.

»Dass es von Birkenstock zu Rodenstock nur ein kleiner Schritt ist, muss jedem einleuchten, der schon einmal über die symbolische Funktion von Accessoirs nachgedacht hat«, bemerkte jetzt Präsident Engel auf einer Pressekonferenz im Frankfurter Hof. Bei der stark bebrillten Konferenz ging es die Frage, wie sich die beliebte Begabtenförderung gegen die jüngste Initiative des Fielmann-Konzerns zur Wehr setzten will.

Der berüchtigte Brillen-Billiganbieter Fielmann versucht nämlich, den guten Ruf der Studienstiftung für seine eigenen kommerziellen Zwecke auszuschlachten. Unter dem Titel »IQ Design« bietet das Unternehmen eine Kollektion von Augengläsern an, die vom einfachen Kassenschlager oder dem funktionalen Nasenfahrrad bis hin zum schwarzgeränderten Spekuliereisen und einem prätentiösen Designer-Gesichtsriegel reicht. Alle Modelle sind den Anforderungen des modernen Hochbegabungsunwesens angepasst und sehen, wie es im Fachjargon heißt, intellektül aus.

Besonderen Zorn erregte es bei den Begabungspflegern vom Godesberg, dass der »Brillenhändler Fielmann« (Originalton Engel) in seinem Werbeslogan schamlos von dem guten Ruf der Studienstiftung profitiert. Statt, wie früher, »Brille: Fielmann« lautet der Reklamespruch jetzt: »Brille: Stiftie«.

Da alle wettbewerbsrechtlichen Schritte ins Leere liefen, kontert die Studienstiftung nun mit der Kontaktlinsenoffensive. Stipendiaten werden aufgefordert, ihre Gesichtsriegel zum alten Eisen zu werfen. Im Gegenzug erhalten sie von der Stiftung ein paar moderne gasdurchlässige Kontaktlinsen, hart oder weich auf Wunsch, inkl. einer Dreimonatspackung Reinigungsmittel.

»Blöd sind wir ja nicht«, meine Präsident Engel unwidersprochen im Frankfurter Hof. »Da haben wir den Fielmann ganz schön ausgetrickst!« Einziger Nachteil der Aktion ist, daß die Stiftler künftig nicht mehr ganz so intellektül aussehen werden.

Die Studienstiftung des deutschen Volkes im Spiegel der Presse (2)

DEUTSCHE ÄRZTEZEITUNG: Sozialplage pharmakologisch therapierbar. Idea entwickelt Pille gegen Profilierungssucht

Stockholm. Der bekannte schwedische Pharmakonzern Idea wird voraussichtlich im kommenden Frühjahr eine Pille gegen Profilierungssucht auf den Markt bringen. Das Medikament soll täglich dreimal nach dem Essen eingenommen werden und eine der gefährlichsten Zwangsneurosen der Gegenwart therapiere.

Die Pille wurde unter dem Namen Viägrä aus dänischem Frischkäse entwickelt. Von den dänischen Ingredienzien erhofft man, daß das bekannte Understatement der Dänen auf den Patienten abfärbt. Nach dem Vorbild von skandinavischen Abholmöbeln handelt es sich bei Viägrä um eine skandinavische Abholpille. Sie muss in der Apotheke abgeholt werden. Obwohl noch strittig ist, ob das neue Medikament von der Krankenkasse bezahlt wird, hat die Gesundheitsministerin angeordnet, dass Viägrä an Studienstiftler von allen Apotheken kostenlos abgegeben werden muss.

»Mit Hilfe dieser Pille«, sagte die Ministerin in Bonn, »hoffen wir, die Studienstiftler von ihrem Hauptleiden und die Gesellschaft von einer sozialen Plage zu befreien.«

Die Studienstiftung des deutschen Volkes im Spiegel der Presse (3)

FRANKFURTER ALLGEMEINE: Studienstiftung eröffnet Samenbank. Engel: »Neue Wege beim Fundraising beschreiten«

Reuters. Laut Infratest beträgt der Intelligenzquotient des durchschnittlichen Studienstiftlers (wenn man von einem solchen überhaupt sprechen kann) genau 100,002. Er liegt damit um 0,002 Punkte über dem des Normalbürgers. Früher hätte man gesagt: Was soll's? Im Zeitalter des globalen Wettbewerbs jedoch darf man einen solch unschlagbaren Marktvorteil nicht mehr ungenutzt lassen.

Der Präsident der Studienstiftung, Engel, gab jetzt in Bonn ein Kommuniqué heraus, worin die Eröffnung einer »Stusti-Samenbank« angekündigt wird. »Wir müssen den Steuerzahler entlasten und neue Wege beim Fundraising beschreiten«, heißt es da. »Zuerst haben wir uns überlegt, ob wie eine Spielbank mit Stipendiaten als Croupiers eröffnen sollen. Wir aber haben alles durchgerechnet und festgestellt, daß eine Samenbank mehr bringt als eine Spielbank.«

Eine Samenbank ist eine Art alkalischer Datenbank. Da Damen gemäß ihrer soziobiologischen Sendung von alters her hinter hochwertigem Genmaterial her sind, wird ein Schuss auf dem freien Markt heute mit bis zu 6.000 US-Dollar gehandelt. Hier setzt die Studienstiftung an. Das aufwendige Verfahren bei der Stipendiatenauswahl garantiert hochwertiges Genmaterial; sozusagen eine staatliche geprüfte Eierqualität der Güteklasse A.

Begüterte Möchtegern-Mütter können sich Balzverhalten und Wonderbra schenken und bei der Stiftung per Versand ein Reagenzglas bestellen. Dabei gibt es zwei Preisklassen: IQ-positiv und IQ-negativ.

Das Material soll auf den jährlichen Sommerakademien eingesammelt werden. Erwünschter Nebeneffekt ist ein sozialverträglicher Testosteronabbau. Es hat sich nämlich gezeigt, dass auf den Akademien der Männermangel in der Kriegsheimkehrer-Generation umgekehrt wird. Durch die große Überzahl von Sommerakademikern gegenüber den Sommerakademikerinnen herrscht dort, volkswirtschaftlich ausgedrückt, eine Verzerrung des Marktes, oder, betriebswirtschaftlich ausgedrückt, eine Herrenüberschußparty.

»Auch Mauerblümchen haben bei uns volle Tanzkarten«, verlautete aus einem der Gipfelcamps. »Allerdings fahren machen Kommilitoninnen nicht nur gebildeter nach Hause, sondern auch eingebildeter.«

Tatsächlich wird unter diesen Verhältnissen manches Landei zum Renner, und manch ein Casanova kuckt in die Röhre. An seinem Studienort ist er der Paris, und hier sieht er Helena gleich in jedem der wenigen Weiber. Gott in Frankreich ist nichts gegen Xanthippe in Alpbach.

Die neue Fundraising-Initiative macht sich die chinesischen Verhältnisse im Sommer zunutze und setzt gesellschaftlich schädliche Überschüsse in sozial erwünschte Verbesserung des Volkskörpers um. »Wir hoffen«, heißt es in dem Kommuniqué der Studienstiftung, »mit dieser Methode pro Jahr etwas sechs Millionen US-Dollar einzunehmen«. Retortenbabys aus der Stusti-Samenbank sollen später bei der Stipendienvergabe bevorzugt behandelt werden. »Eine Geburtsurkunde von uns ist schon das halbe Abiturzeugnis«, bemerkt die Stiftung.

Die Studienstiftung des deutschen Volkes im Spiegel der Presse (4)

[b]TAZ — DIE TAGESZEITUNG: Begabtenförderung wird Partner alleinstehender Geschäftsfrauen.

Studienstiftung hebt die Agentur »IQ Escort« aus der Taufe[/b]

Nach dem Vorbild der Agentur »Cambridge Fellows« in England hat die Bonner Studienstiftung des deutschen Volkes jetzt den Vermittlungsdienst »IQ Escort« gegründet. Die Geschäftsidee ist dieselbe: Business-Frauen aus der City können stundenweise junge Männer leasen, die sich auf geschäftliche oder soziale Anlässe begleiten. Für eine Gebühr von 30 Euro pro Stunde kann frau sich auch einen ganzen Abend lang intellektuell volllabern [endlich komme ich dazu, die neue Rechtschreibung anzuwenden! Und das nach monatelangem Warten auf einen Seeelefanten! — die säzzerIn] lassen.

Da der klassische Anstandsunterricht selbst bei wissenschaftlichem Spitzenpersonal jedoch nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann, erhöht die Stiftung Stipendiaten, die sich in die Kartei von »IQ Escort« aufnehmen lassen, das Büchergeld einmalig um 25 Euro. Mit diesem Betrag müssen sich die angehenden Chippendales in den Besitz eines protokollarischen Standartwerkes versetzen (z.B. Pappritz: »Das große Buch der Etikette«, Loriot: »Der Gute Ton«, u.ä.), in dem sie genau erfahren, wer wen beim Tanzen wohin treten darf.

»Unsere Jungs sind rasend begehrt«, heißt es aus der Bonner Zentrale. »Die moderne Business-Frau geht lieber mit einem staatliche geprüften öffentlich-rechtlichen Stusti-Jüngling aus, als mit einem zweifelhaften Tropf von einer privaten Agentur, der dann, wenn's drauf ankommt, kneift.«

Die Studienstiftung des deutschen Volkes im Spiegel der Presse (5)

LE MONDE: Grenouille bestimmt Stallgeruch. Chefparfumeur von Chanel beschnuppert Studienstiftler

afp.— Jean-Baptiste Grenouille, Chefparfumeur bei Chanel, hat im Auftrag der deutschen Studienstiftung ein olfaktorisches Gutachten erstellt. Auf Wunsch von Präsident Engel beschnupperte Frankreichs »goldene Nase« ca. 1200 Stipendiaten der 1925 gegründeten stattlichen Begabtenförderungsvereinigung unseres östlichen Nachbarn.

Mit ausgebeulten Cordhosen und einem C&A-Jackett als deutscher C4-Professor verkleidet, schnüffelte der prominente Olfaktor inkognito in Symposien, Kolloquien und Akademien der Stiftung herum; (aber er wäre sowieso nicht erkannt worden: Das Interesse, dessen sich die Firma Chanel in Deutschlands intellektuellen Kreisen erfreut, ist gering).

Das Ergebnis der Schnüffelei wurde soeben in der Chanel-Betriebszeitung »Channel News« veröffentlicht. Gemäß der Verhältnisse in Deutschland hatte der Parfumeur den »Stallgeruch« (wie unsere geschätzten Nachbarn es nennen) zu bestimmen und kam zu einem überraschenden Ergebnis.

»Der Stallgeruch der Studienstiftung«, schrieb Grenouille in »Channel News«, »ist wie eine Stimme am Telefon: Die obere und die untere Frequenz sind abgeschnitten und man hört nur die mittlere Tonlage.«

Der König der Nasen habe zwar den Wohnzimmerduft einer gut durchwachsenen Bürgerlichkeit eingeatmet, aber sowohl den kräftigen Zwiebel- und Wohnküchenduft des Proletariats vermisst, als auch einige duftige Überstrahler prickelnder Eleganz, wie sie nur der Adel und das Patriziat absondern.

»Die Studienstiftung ist somit keine Elite der deutschen Gesellschaft«, resümierte Grenouille seine Ergebnisse. »Sie bildet die deutsche Gesellschaft mit ihrer beinah totalen Vorherrschaft der middle class getreu ab. Der Stallgeruch ist fade. Bei uns in Frankreich gibt es noch mehr diversité.«

Was bedeuten die grünen Links? von Alexander Löwen  
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